Rubrik 'Lokales aus Heidenheim' - HNP - 09.03.2007

Elvira Muschler erste Zetkin-Preisträgerin

Auszeichnung gestern anlässlich des internationalen Frauentags verliehen an politisch und gewerkschaftlich engagierte Frau

Elvira Muschler ist die erste Clara-Zetkin-Preisträgerin. Erhalten hat die 73-jährige Heidenheimerin diese Auszeichnung gestern Abend bei einer Feier im Marstall in Schloss Hellenstein für ihr politisches, gesellschaftliches und gewerkschaftliches Lebenswerk.

Verliehen wurde der Clara-Zetkin-Preis von den Frauen der IG Metall Heidenheim. Vorsitzende Brigitte Milde schlüpfte in die Rolle Clara Zetkins und überreichte den mit 500 Euro dotierten und mit einer Skulptur sichtbar gemachten Preis, mit dem jährlich am 8. März eine Frau geehrt werden soll, die durch ihr Wirken einen nachhaltigen Beitrag für die Frauenarbeit geleistet hat.

Elvira Muschler ist so eine Frau. In einem Interview und Bildern wurde ihr Leben nachgezeichnet. In Kitzingen/Main geboren und 1943 nach Schnaitheim evakuiert, musste sie sehr früh die Kinderrolle ablegen. Schon als 14-Jährige kümmerte sie sich um die neu geborene Schwester, während die Mutter zur Arbeit ging. Mit 15 fing sie selbst zu arbeiten an bei der Schäfer Zigarrenfabrik, später machte sie eine Ausbildung zur Kauffrau. Kurz darauf heiratete sie und war zehn Jahre lang Mutter und Hausfrau.

Was es heißt, Kinderbetreuung und Beruf unter einen Hut zu bekommen, erfuhr sie dann nach ihrer Scheidung, als sie 1965 bei Siemens (heute Epcos) zu arbeiten begann. Unterstützung für allein erziehende Frauen gab es damals nicht. Sie kümmerte sich dabei nicht nur um ihre eigenen fünf Kinder, sondern später auch noch um die sieben Kinder ihres zweiten Ehemanns. doch genau diese Schwierigkeiten spornten Elvira Muschler an, aktiv zu werden. Ihr Rat heute: an die Frauen: „Handeln, und nicht warten, bis jemand etwas tut. Nur war die Frauen selbst bewegen, bewegt sich, alles andere bleibt.“ Den Preis nahm sie gestern unter stehenden Ovationen entgegen, „tief bewegt“. Clara Zetkin habe den Weg bereitet, „den wir heute gehen können, wenn wir nur wollen.“

Und Elvira Mutschler wollte: Mit ihrer Arbeit bei Siemens trat Elvira Muschler der IG Metall bei, wo sie sehr schnell selbst aktiv mitarbeitete. Über 20 Jahre lang war sie im Ortsfrauenausschuss, davon 15 Jahre lang Vorsitzende. Als Betriebsrätin und IG-Metall-Vertrauensfrau beschäftigte sie sich unter anderem mit Frauenfragen, sprach aber auch in der Lohnkommission mit. Nicht zuletzt weitete Elvira Muschler ihr Engagement auch lokalpolitisch aus, als sie von 1974 bis 1982 für die SPD in den Gemeinderat gewählt wurde. Heute ist die Geehrte in der Seniorenakademie aktiv.

Obwohl Muschler 1994 aus der SPD austrat, erwiesen ihr bei der gestrigen Feier etliche SPD-Vertreter die Ehre, darunter Landtagsabgeordneter Wolfgang Staiger und SPD-Fraktionsvorsitzender Kurt Wehrmeister sowie der frühere DGB-Landesvorsitzende Siegfried Pommerenke. Vor allem aber waren viele in der IG Metall engagierte Frauen bei dieser ersten Preisverleihung unter den Gästen, unter anderem die Verantwortliche für Frauenfragen der IG Metall Baden-Württemberg, Monika Lersmacher sowie Vertreterinnen der benachbarten IG-Metall-Verbände. Und schließlich führte durch den Abend Marion von Wartenberg, die lange Jahre Vorsitzende des Frauenrats Baden-Württemberg war.

Andreas Strobel, Erster Bevollmächtigter der IG Metall, verteidigte die Benennung des Preises nach Clara Zetkin. Er kritisierte „Menschen, deren Geschichtsbewusstsein immer noch nach dem alten Schwarz-Weiß-Schema funktioniert“ und spielte damit auf die Ablehnung der Stadtspitze an, eine Straße nach Clara Zetkin zu benennen, woraufhin der Preis entstand.

Clara Zetkin sei unbestritten eine der herausragenden historischen Frauenpersönlichkeiten. Gemeinsam mit Rosa Luxemburg hätte sie dafür gesorgt, dass die Frauen nach 1918 das allgemeine Wahlrecht in Deutschland erhielten.

Karin Fuchs